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Der Lebensbaum

Kernstück der mystischen Kabbalah ist der so genannte Baum des Lebens. Der „Lebensbaum“ ist die bildliche Darstellung der Stufen, welche die Entäußerung des Einen Seins in die geistige, seelische und materielle Sphäre nimmt. Insofern veranschaulicht der Lebensbaum die Entäußerung des Einen Seins und geht somit auch weiter als ähnliche neuplatonische Lehren, denen es an bildlicher Veranschaulichung fehlt. Interessanterweise ist der kabbalistische Lebensbaum keine bloße beliebige Zeichnung, sondern eine durchdachte Darstellung der Rangfolge der einzelnen Seinsstufen und ihrer wechselseitigen dynamischen Abhängigkeit voneinander und Verbundenheit miteinander.

Hierbei handelt es sich um ein sehr komplexes System aus zehn Seinsstufen, die hierarchisch angeordnet sind und miteinander in Verbindung stehen. Diese Seinsstufen heißen Sephiroth („Zahl, Ziffer“), im Singular Sephira, und es gibt insgesamt zehn solcher Sephira. Die Seinsstufen werden deshalb mit Zahlen bezeichnet oder Zahlen gleichgesetzt, da im Altertum, wie auch bei Phytagoras und in der mystischen Lehre der Pythagoreer, die philosophische Annahme herrschte, Zahlen bedeuteten Qualitäten. Hierbei ist auch der numerologische Aspekt der Kabbalah erfasst, welcher Seinsstufen mit Zahlen gleichsetzt.
Die Anordnung der Sephira am Lebensbaum lautet wie folgt:

Keter (Krone)
Chokma (Weisheit)
Binah (Einsicht)
Chesed (Barmherzigkeit)
Geburah (Kraft)
Tipheret (Schönheit)
Nezach (Sieg)
Hod (Ruhm)
Jesod (Unterbewusstsein)
Malkuth (Welt/ Herrschaft)

Der Lebensbaum folgt hiermit dem Schema einer im Altertum sehr bekannten und auch bei Platon häufig erwähnten kosmologischen Dreiteilung von Geist – Seele – Materie. Insofern kann der Lebensbaum senkrecht in drei Dreierstufen unterteilt werden, die wiederum durch drei Seinsstufen ausgedrückt werden, welche als übergeordnetes Thema Geist, Seele oder Materie haben.

Dem Geist zugeordnet in der ersten Dreierfolge der Sephiroth sind die Sephira Keter, Chokma und Binah, welche intellektuelle Eigenschaften der „Krone“ (Kronenchakra), des Geistes, der Weisheit und der Vernunft repräsentieren. Der Seele zugeordnet in der zweiten Dreierfolge der Sephiroth sind die Sephira Chesed, Geburah und Tipheret, die für Barmherzigkeit, Kraft und Schönheit stehen. Die eher der Materie zugeordneten oder in die Materie ausstrahlenden Sephiroth in der letzten Dreierfolge am Lebensbaum sind Nezach, Hod, Jesod und Malkuth, wobei die Sephira Nezach, Hod und Jesod die Qualitäten Sieg, Ruhm und Unterbewusstes darstellen, während „Malkuth“ als letzte Qualität auf der unteren Mittelachse die Welt oder Herrschaft selbst ist.

Querverbindungen und Deutungsarten

Zu beachten ist ferner, dass die zehn Sephira auf dem Lebensbaum auch in drei parallelen Kolonnen zueinander angeordnet sind: es gibt die Linksachse, die Rechtsachse und zentral die Mittelachse. Links befinden sich traditionell die eher „aktiven“ Qualitäten, rechts die „passiven“ – manche Kabbalisten jedoch behaupten das Gegenteil. Auf der Mittelachse stehen diejenigen Qualitäten, die in gewisser Weise die inhaltlich-ethische oder substantielle Mitte zwischen den Extremen oder die Summe (philosophisch: die Synthese) der Qualitäten der sie umgebenden Rechts- und Linksachsen ausdrücken.
Ferner sind die Sephira nicht unverbunden oder vereinzelt, sondern müssen in ihrer Anordnung und wechselseitigen Abhängigkeit und Durchdringung (im Kontext) erfasst werden. Deshalb bestehen zwischen den einzelnen Sephira so genannte Kanäle. Diese insgesamt 22 Kanäle stellen Verbindungen zwischen einzelnen Seinsstufen und –qualitäten dar. Auch wird behauptet, dass diese 22 Kanäle die Qualitäten darstellen, die durch die 22 großen Arkana des Tarot ausgedrückt würden. Die zehn Sephira dagegen stellten die kleinen Arkana des Tarot dar und würden folgendermaßen assoziiert: As (Keter), Zwei (Chokma), Drei (Binah), Vier (Chesed), Fünf (Geburah), Sechs (Tipheret), Sieben (Netzach), Acht (Hod), Neun (Jesod) und Zehn (Malkuth).

Umgekehrte Sephiroth: Das Gegenteil der Schöpfung

Die Sephiroth nicht nur die eine festgelegte Bedeutung, sondern können auch ihr jeweiliges Gegenteil bedeuten – das ist eine ähnliche Wirkung wie auch die umgekehrt liegende Tarotkarte. Die negativen Aspekte der Sephiroth (oder vielmehr, die Sephiroth in ihrer negativen Bedeutung) heißen Kelifa. Die Kelifa tragen zwar dieselben Nummern wie die Sephiroth und werden mit denselben Farben dargestellt, allerdings in einer dunkleren Farbintensität. Generell gilt hier als Regel: je heller die Farbe, umso besser, je dunkler, umso schlechter.

Der philosophische Grundgedanke ist der, dass es ein „Gut“ oder „Böse“ im herkömmlichen Sinn gar nicht gibt, sondern dass es sich bei Gut und Böse um menschliche Wahrnehmungen von Qualitäten handelt, die unterschiedlich intensiv sind. Das Gute oder Böse ist somit nicht substantiell, also inhaltlich-wesenhaft, unterschieden, sondern nur graduell-stufenhaft.

So kann beispielsweise die Kelifa von der Seinsstufe Chokma, die „Weisheit“ bedeutet, die „Dummheit“ oder Torheit sein, wobei Weisheit von Dummheit nach kabbalistischer Ansicht nicht wesensgemäß, sondern lediglich in ihrer Ausprägung verschieden ist. Ähnlich verfährt die mystische Kabbalah mit den anderen neun Seinsstufen und ihren jeweiligen negativen Ausprägungen, den Kelifa.

Keter (Krone) – Kelifa: Chaos
Chokma (Weisheit) – Kelifa: Dummheit
Binah (Einsicht) – Kelifa: Lüge, Verleugnung
Chesed (Barmherzigkeit) – Kelifa: Streit
Geburah (Kraft) – Kelifa: Feuerbrand
Tipheret (Schönheit) – Kelifa: Entstellung
Nezach (Sieg) – Kelifa: Trägheit
Hod (Ruhm) – Kelifa: Verborgenheit
Jesod (Unterbewusstsein) – Kelifa: Illusion
Malkuth (Welt/ Herrschaft) – Kelifa: Verdammnis

Wenn eine Seinsstufe zu mächtig wird, verkehrt sie sich in ihr Gegenteil. So sind die kabbalistischen Bedeutungen der Sephiroth und die ihnen zugeordneten Kelifa nicht als statisch zu betrachten, sondern als dynamisch: ein bewegtes, lebendiges Gefüge von Qualitäten, die in ihr Gegenteil übergehen können.

 

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