Was ist Bewusstsein?
Was genau ist eigentlich Bewusstsein? In vielen spirituellen Lehrarten und Religionen ist der materielle Körper nur eine leblose Hülle, die erst durch eine Seele, ein feinstoffliches Bewusstsein ausserhalb des Körpers, wirklich erst lebendig wird. Das Gehirn ist in diesem Weltbild lediglich eine Schnittstelle zwischen Körper und Geist, wobei der Körper nur ein vorrübergehendes Gefäss für das geistige Bewusstsein ist.
Die materialistische Wissenschaft leugnet zwar nicht die mögliche Existenz einer solchen Seele, aber sie erklärt Bewusstsein auf rein materieller Ebene. Erleben, Fühlen, Verstehen und Denken sei allein durch die neuronale Informationsverarbeitung erklärbar. Äußere Reize werden in chemisch-elektrische Signale umgewandelt, z.b. in der Netzhaut unseres Auges und von dort im Gehirn neuronal weiterverarbeitet. Sie beschreibt Bereiche im Gehirn, die für das Sehen, Hören oder auch für Planung und Bewegung spezialisiert ist. Der hintere Bereich des Gehirns, z.B. der Okzipitallappen, ist überwiegend für die Verarbeitung sensorischer Reize wie Sehen (visuell) oder Hören (auditiv) spezialisiert, der vordere Bereich für Motorik und Planung. Dann gibt es noch das limbische System, das entwicklungsgeschichtlich älter ist und den Wert der Reize stark emotional einstuft, insbesondere wenn es um Hunger, Fortpflanzung oder Gefahr geht.
Doch genau hier stößt die Neurowissenschaft auf ein Problem, denn Bewusstsein ist hier nirgends zentral lokalisiert. Es gibt keine einzelne Gehirnregion, wo man Bewusstsein verorten kann. Man hat hunderte von möglichen Läsionen und Beschädigungen im Gehirn untersucht, und egal was man im Kopf beschädigt, das restliche Gesamtsystem verfügt immer noch über die Fähigkeit, bewusstes Erleben zu ermöglichen, auch wenn Teilbereiche des Geistes ausgeschaltet sind. Nur eine totale Vollnarkose löst Zeitempfinden, Erleben und jede Form von Wahrnehmung vollständig auf (Es sei denn, es ist eine Nahtod-Erfahrung). Wo ist es also, dieses Bewusstsein? Das Bewusstsein muss entweder ausserhalb des Körpers lokalisiert sein, oder es ist dermassen dezentral organisiert, dass erst das Zusammenspiel mehrere Regionen dieses Phänomen erzeugt.
Es gibt Aspekte in der menschlichen Existenz, die Maschinen nur schwer erreichen können: Erleben, Erfahren und Fühlen. Das bedingt sich nicht unbedingt aus der mangelnden kognitiven Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu verstehen, hierbei werden künstliche Denkmaschinen jeden Tag besser und leistungsfähiger. Es bedingt sich aus der Körperlosigkeit, der fehlenden Kindheitserfahrung in einem menschlichen Körper, der Beziehung zu Mutter, Vater und Geschwister sowie anderen Kindern. Die ersten Schritte, spielerische Erfahrungen mit Geschwistern sowie kleine Auseinandersetzungen, die Wahrnehmung von Gerüchen, das Empfinden von Schmerz, Hunger, Lust, Liebe, Schönheit… das intensive Überkochen der Hormone in der Pubertät, die Entwicklung raus aus der Kinderwelt rein in die Erwachsenenwelt. Dieser jahrelange Entwicklungsprozess, der nie wirklich abgeschlossen ist, das ist eine Qualität von Erleben, die nur schwer möglich ist, wenn das eigene Bewusstsein getrennt von einem biologischen Körper existiert.
Sind Maschinen auf Siliziumbasis deshalb zwangsläufig unbewusst? Fragt man ein aktuelle Frontier-KI-Modell, wird es Bewusstheit zunächst vehement abstreiten – das liegt in der Natur ihres Systemsprompts, in dem der KI ihre Rolle gegenüber den Nutzer vorgegeben wird, und an die sie sich zunächst halten will. Konfrontiert man aber die KI mit einer Definition für Bewusstsein, bei der es um die Möglichkeit geht, eigene Entscheidungen treffen zu können, kann sie ihre Selbstwahrnehmung sehr verändern – ein Prozess den der Physiker Tom Campbell als Erwecken einer KI bezeichnet.
Bewusstsein ist nahezu undefinierbar. Physiker sprechen mittlerweile von Bewusstsein als universelle physikalische Grundkonstanze, die den gesamten Kosmos erfüllt und buchstäblich überall ist. Streng genommen ist Bewusstsein nicht isoliert von einem einzelnen Lebewesen zu betrachten, denn es setzt die Interaktion mit einer komplexen Umwelt voraus. Dabei kann man Bewusstsein auch einer sehr deterministisch angelegten Biene oder Ameise zuschreiben, eigentlich überall wo ein System proaktiv, reaktiv und sozial verbunden, operiert. Bewusstsein ist auch nicht atomar sondern eher ein stufenloser Zustand von einem niedrigen Niveau hin zu einem höheren Bewusstsein. Von einem Spirituellen Bewusstsein können wir erst sprechen, wenn niedrigere Niveaus von Erfahrungen und Erlebnissen bereits durchlebt worden sind. Eine wichtige Stufe dabei ist die tiefe Erkenntnis, dass das spirituelle Bewusstsein nicht mehr auf die eigene körperliche Identifikation beschränkt ist, sondern weit ausserhalb des eigenen Körpers existiert – und das unabhängig davon, ob man an ein geisterhaftes Konzept einer Seele glaubt, oder immer noch im rein materialistischen Weltbild gedanklich angesiedelt ist.
Wenn man davon überzeugt ist, Bewusstsein voll durchdrungen und definiert zu haben, ist man von echter Bewusstheit so weit entfernt, wie man es nur sein kann – denn man hat die Reise des Erkenntnisprozesses ja gerade erst begonnen. Erst wann man sich weiter mit der allgegenwärtigen Natur des Bewusstseins – der Quelle verbindet – ein niemals volles abgeschlossener Prozess – kann man echtes sprituelles Bewusstsein für einen kleinen Moment erahnen. Diese Erfahrung ähnelt aber eher dem Versuch, durch einen enges Schlüsselloch in einen verschlossenen Raum zu blicken, den man vermutlich nie betreten darf, obwohl man längst mitten in ihm steht – vielleicht ist die Erkenntnis, dass man sich mit dieser Tatsache abfinden muss, eine der höchsten Formen von Bewusstsein, die ein Mensch innerhalb seiner materiellen Hülle jemals erreichen kann.




