Ratatosk – das Eichhörnchen der nordischen Mythologie
In der nordischen Mythologie gibt es ein interessantes Wesen, das Eichhörnchen Ratatosk (Ratatöskr), das eine besondere Rolle spielt, aber ziemlich unbeachtet bleibt. Wenn wir von der Weltenesche Yggdrasil hören, denken wir oft an die Drei Nornen, die die Schicksalsfäden spinnen… wir denken an Odins Opfer zum Erlangen der Geheimnisse der Runen und vielleicht auch an an den Thingplatz der Götter, wo diese sich versammeln und sich beraten oder Gericht halten.
Der Weltenbaum Yggdrasil hält die Welt zusammen. In seiner Krone sitzt ein (namenloser) Adler mit einem Habicht zwischen seinen Augen. In den Tiefen der mächtigen Wurzeln dagegen sitzt der schlangenförmige Drache Nidhöggr. In der Lieder-Edda im Lied Grímnismál wird noch ein anderes Wesen erwähnt: das Eichhörnchen Ratatosk. Dieses springt im Weltenbaum herum und huscht von der Krone bis hinab zu den Wurzeln hinab. Laut Snorri Sturluson (Prosa-Edda), läuft es ebenfalls von unten nach oben. Dabei übermittelt es die Nachrichten des Adlers der Krone an den Drachen Nidhöggr. Dieses Eichhörnchen ist also ein Bote zwischen diesen Bewohnern des Baumes, jedoch geht es nicht um philosophische Diskussionen, sondern um Gehässigkeiten oder einen Streit zwischen beiden Parteien.
Was bedeutet diese nordische Geschichte der Edda und was können wir daraus lernen? Die Wissenschaft ist sich nicht einig, was hier angedeutet wird. Wir müssen uns die Bedeutung – ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Richtigkeit – selbst herleiten. Ein Motiv könnte der ewige archetypische Konflikt zwischen Ordnung und Chaos sein. Der Adler als Bewohner der Krone und Herrscher der Lüfte könnte als Vertreter der Ordnung, der Weisheit und Voraussicht und Planung gesehen werden. Der Adler gehört vermutlich zu den aufbauenden Kräften. Der Drache steht dabei für die zerstörerischen Kräfte des Chaos. Beide Systeme repräsentieren eine bestimmte Ordnung. Der Adler möchte die Ordnung vielleicht erhalten, der Drache möglicherweise zerstören, um eine neue Ordnung aus den Trümmern aufzubauen. Das ist zugegebenermassen sehr spekulativ, ergäbe aber ein konsistentes Bild. Das Eichhörnchen trägt nicht so viel archaische Symbolik mit sich. Sollte es einfach Pech gehabt haben, hier als schnelles und flinkes Tier, das zwischen den Ästen der Bäume springt, als Bote der Edda ausgekoren worden zu sein?
Ratatosk scheint zunächst ein Nebendarsteller zu sein. Der Adler in der Krone ist räumlich weit von der Wurzel getrennt – aber es muss einen Kommunikationskanal geben, der die Gemeinheiten hin- und her trägt. Das ist im Übrigen auch interessant. Die beiden Kräfte Adler und Drache tauschen keine hochgestochenen philosophischen Gespräche aus oder übermitteln die Botschaften der Götter und Urkräfte… nein! …sie beschimpfen sich einfach aufs Übelste, vermutlich derb und ohne jeden gegenseitigen Respekt. Oft wird von einem Streit gesprochen, aber in dem Lied wird explizit Gehässigkeiten erwähnt. Es muss also überhaupt nicht um irgendein bestimmtes Thema gehen, um das zu streiten wäre – die beschimpfen sich einfach! Nicht mehr und nicht weniger.
Spielt Ratatosk jetzt nur eine Nebenrolle? Das könnte man zunächst vermuten. Aber warum wird der Adler im Baum, von dem wir wissen, dass er noch einen Habicht zwischen seinen Augen trägt – ebenfalls hochsymbolisch – nicht namentlich gekennzeichnet? Der Adler im Baum – der Repräsentant der Ordnung, verdient in der Edda keinen Namen. Der Drache hat einen Namen, nämlich Nidhöggr. Und wer hat auch einen Namen? Unser Eichhörnchen Ratatosk. Vielleicht ist hier ein Hinweis verborgen, dass es gar nicht so sehr um den Konflikt von Ordnung und Chaos geht, sondern vielmehr um das verbindene Element, das Eichhörnchen.
Es gibt noch ein Konzept, das zwischen Ordnung und Chaos hin- und hergerissen wird: der Mensch im Kosmos! Vielleicht geht es um die Rolle des Menschen im Kampf um die Meinungshoheit zwischen Oben- und Unten, Ordnung und Chaos, Aufbau und Zerstörung. In der Geschichte hört das Eichhörnchen jede Nachricht und leidet diese weiter. Würde es sich nicht um diese scheren, könnten Adler und Drache überhaupt nicht streiten. Die aufbauenden Kräfte würden einfach aufbauen und die zerstörerischen Kräfte würden zerstören – der Mensch hätte nichts damit zu tun. Erst die Identifikation des Menschen mit der einen oder anderen Seite, bringen den Aufbau oder die Zerstörung in die Welt – je nach persönlicher Entscheidung.
Vielleicht soll uns Ratatosk einfach nur sagen: Du musst dich weder für die eine oder andere Seite entscheiden – mache einfach nur das, was du selbst für richtig hältst!.





