Initiation – Ritual des Übergangs

Initiationsrituale sind ein fester Bestandteil vieler Kulturen in der Geschichte der Menschheit. Bekannt sind die Mutproben der Männer der Insel Pentecost in Vanuatu, die kopfüber von teilweise 30 Meter hohen Holztürmen springen. Das Ritual ist sehr gefährlich – wenn die Länge und Elastizität der Lianen nur geringfügig von der Statur des Springers abweicht, kann dieser zu hart auf den Boden aufschlagen und lebensgefährliche Verletzungen von sich tragen.

In Papua-Neuguinea gibt es Naturvölker, bei denen sich junge Männer zahlreiche Schnitt an Brust, Rücken und Schultern anbringen lassen (Krokodil-Skarifizierung). Die Narben erinnern später an Korkodil-Bissspuren. Der Junge wir hier symbolisch vom Ahnenkrokodil verschlungen und als Mann wiedergeboren, der Beginn seiner Heldenreise.

Auch bei Frauen gibt es Initiationsrituale, häufig weniger spektakulär wie bei traditionellen Krieger-Stämmen. Einige Kulturen schicken Mädchen bei ihrer ersten Menstruation für einige Tage alleine in die Abgeschiedenheit, um nach ihrer Rückkehr zeremoniell als erwachsene Frau begrüsst zu werden.
Bei den Umemulo (Zulu-Zeromoinie) werden junge Frauen um das 21igste Lebensjahr herum erstmals in traditionelle Kleidung gehüllt, tanzen vor Familie und Gemeinschaft und bekommen einen Speer als Symbol von Stärke, Sieg und neuer Stellung. Häufig werden dabei auch Geschenke überreicht.

Die Initiation markiert die Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenensein. Die Kinderwelt wird verlassen und es wird die Konfrontation mit Gefahr und der eigenen Verletzlichkeit markiert.

Auch in der westlichen Kultur gibt es Initiationsrituale, jedoch weniger Zeremoniell. In der Kirche gilt ein Kind nach der Kommunion als erwachsen und darf den Messwein trinken. Auch das Bestehen des Abiturs oder einer Universitätsausbildung kann als eine Art Initiation betrachtet werden. Nach eine Reihe viele Prüfungen gewinnt der Student einen neuen Status. Der Schritt ist – wie bei jeder Initiation – unumkehrbar. Die Grundaussage: Ich gehöre jetzt dazu und empfinde mich als Teil der Gemeinschaft mit mehr Status und Verantwortung.

Die Erinnerung an ein Initiationsritual hat auch einen psychologischen positiven Effekt auf das eigene Selbstvertrauen: Ich habe etwas überstanden, wovor ich Angst hatte.

Darüberhinaus bindet es den jungen Erwachsenen an dei Gruppe, denn man hat eine gemeinsame Erfahrung gemacht und wurde darin eingeweiht. Insbesondere in Logen und Bruderschaften haben Aufnahmerituale oder Beförderungen, verbunden mit Verschwiegenheitsgelübten, einen starken verbindenden Charakter. Oft erlangt der Anwärter danach Anerkennung, weil er Mut und Belastbarkeit bewiesen hat.

Eine Initiation kann aber auch als Instrument wirken, um ein neues Mitglied der Gemeinschaft stärker an die Gruppe zu binden. Wer einen hohen Preis gezahlt hat, verlässt die Gruppe nicht mehr so leichtfertig. Auch die Bildung von hierarchischen Strukturen kann durch aufeinanderfolgende Teil-Initiationen und Einweihungen (z.B. Lehrling, Geselle und Meister) stattfinden – auch wenn sie nur symbolisch sind und offiziell keinen höheren Status oder Rang mit sich bringen.

Eine Initiation kann das Gemeinschaftsgefühl stärken und markiert die Schwelle in eine neue Rolle (meist ohne Wiederkehr). Wer einmal den Löwen erlegt hat, kann dies auch erneut vollbringen. Und dieser Prozess ist hoch spirituell, denn er macht dem Initianten sowohl die Gefahren als auch die eigenen Möglichkeiten bewusst.

Hast du selbst schon eine Art Initiation erlebt? Hast du dich danach mehr zugehörig zu einer Gruppe gehört? Gibt es vielleicht noch vor dir liegende Initiationsrituale, z.B. beim Erreichen eines Abschlusses, Befähigung oder als Aufnahme-Ritual einer Gruppe, mit der du dich Verbunden fühlst?

In der spirituellen Entwicklung findet der Bewusstseinsprozess oft allein statt. Trotzdem teilst du das Erreichen eines neuen Bewusstseins mit vielen anderen, die einen ähnlichen Prozess durchlaufen sind. Gerade weil hier das unmittelbare Feedback durch eine Gruppe oft gar nicht stattfindet, ist die Beschäftigung mit dem Thema Initiation als Übergang so wertvoll. Das Thema ist viel präsenter, als es uns allgemein bewusst gemacht wird, hat aber unverändert einen hohen Stellenwert in jeder menschlichen Gesellschaft.