Dicyanin Brille – die Aurabrille

Was ist dran an dem Verbot der Aura-Brillen auf Basis von Dicyanin? Funfact vorweg: ursprünglich verwendete der Erfinder keine Brille – sein Diagnoseverfahren war ganz anders!

Im Jahr 1908 experimentierte der etwas 61 Jährige Londoner Arzt Walter J. Kilner mit dem Farbstoff Dicyanin. 1911 veröffentlichte er ein aufsehenerregendes Paper The Human Atmosphere, or, The Aura Made Visible by the Aid of Chemical Screens (https://spiritmaji.com/sacredtext/eso/tha/tha02.htm). Kilner war fasziniert von Elektrizität, optischen Effekte und der menschlichen Aura. Ihn liess der Gedanke nicht loss, dass der menschliche Körper vielleicht eine unbekannte Strahlung angebe, die man technisch irgendwie sichtbar machen könne.

Er sagte ausdrücklich, dass er die Sache Abseits von jedem Okkultismus mit mehr als 60 Patienten untersucht habe, bevor er überhaupt Literatur über Auren gelesen hatte. Er benutzte einfach den Begriff Aura, weil er keinen besseren Begriff gefunden hat. Kilner untersuchte Menschen mit Krankheiten, gesunde Menschen und insbesondere Schwangere, aber er blickte nicht einfach durch eine Brille. Hier geistert aktuell eine Mythos durch die Szene, in die wir etwas Licht bringen wollen.


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Kilner benutzte keine Brille sondern schaute zunächst durch einen Dicyanin-Screen einige Minuten ins Tageslicht, um seine Augen zu sensibilisieren. Der Patient stand unbekleidet vor einer dunkeln Wand. Nachdem Kilner seine Augen mit dem Screen sensibilisierte, richtete er seinen Blick auf den Patienten und vermass, die nur für ihn sichtbare Aura. Er notierte sich dabei die Abstände der Aura vom Körper in Zoll auf (insbesondere bei Schwangeren bei bestimmten Körperpartien, eine sehr verlockende Untersuchungsmethode in einer Zeit ohne Ultraschall und Schwangerschaftstests). Er sah also keine Farben oder Spektren. Aus der Form der Aura versuchte Kilner die Krankheiten der Patienten abzuleiten. Ein anderer Name für Dicyanin ist übrigens tatsächlich „Spectauranine“.

Kilner führte mit einer Versuchsperson sogar einen Plazebo-Effekt durch. Er liesse sie durch einen
Methylblau-Filter statt echtem Dicyanin-Glas blicken und danach war sie nicht in der Lage, die Aura zu sehen.

Das angebliche Verbot

Dicyanin ist toxikologisch nicht untersucht. Es gibt keinen Hinweis auf irgendein Verbot oder eine staatliche Intervention. Obwohl die Geisterbrille in der Szene häufig thematisiert wird, sind echte Dicyanin-Brillen schwer zu organisieren, zumal man in den meisten Fällen Ersatzfarbstoffe verwendet werden und eine Echtheit dieser Produkte schwer überprüft werden kann.

Der Einsatz des Militärs

Weiterhin gibt es Berichte über angebliche Versuche des Militärs mit Dicyanin-Brillen. Angeblich habe die Wahrnehmung die Soldaten verwirrt, weil die ganzen Geistererscheinungen verstörend gewirkt hätten. Diese Darstellung ist ein Mythos. Frankreich und Amerika untersuchte die Nutzung von Dicyanin-Farbstoffen in der Fotografie zur besseren Erkennung von Tarnung in der Luftaufklärung. Dicyanin erlaubt eine bessere Stabilisierung von längerwelligem Licht im Nachen Infrarotbereich. Der Einsatz von Brillen oder Nachtsichtgeräte ist jedoch nicht belegt.

Kann man mit Dicyanin-Brillen Geister oder die Aura sehen? Feinfühlige Menschen sind eh dazu in der Lage, auch ohne Filter. Ausserdem wurden die Gläser von Kilner nie als Brillen genutzt sondern nur dazu, seine Augen an ein anderes Frequenzspektrum zu gewöhnen. Die Geschichte erinnert etwas an den Film Sie leben von John Carpenter, bei dem jemand mit Hilfe eine speziellen Sonnenbrille die wahre Natur von Aliens identifizierte, die durch den Blick der Brille (Hoffman-Linsen) in ihrer wahren beängstigenden Gestalt sichtbar wurden. Irgendwas sagt uns, die Geschichte um den Mythos der Dicyanin-Brillen ist noch lange nicht zu Ende erzählt.