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Wissenschaft und Religion


Wissenschaft und Religion – können beide Systeme nebeneinander existieren? Es gibt kaum zwei gesellschaftliche Stukturen, die auf bizarre Weise einerseits nicht unterschiedlicher, andererseits nicht ähnlicher sein könnten.

Wenn wir über Religion sprechen, sollte zunächst klargestellt werden, dass hier nicht die individuelle Spiritualität gemeint ist. Religion steht immer in Verbindung mit Macht- und Denkstrukturen, der sich der Einzelne ganz oder teilweise unterordnen muss. Spiritualität stellt diese Forderung nicht und erlaubt einen direkten Zugang zum Göttlichen, auch ohne eine priesterliche Mittlerfunktion.

Petersdom von Innen

Das gilt auch für den Begriff Wissenschaft. Auch hier ist nicht freie und unabhängige Forschung gemeint, mit dem Ziel, das Wissen und Leben der Menschheit zu verbessern. Wenn wir hier von „Wissenschaft“ sprechen, ist der industriell-staatliche Forschungskomplex gemeint, der sehr klare Vorgaben macht, wofür, woran und wer an welchen Forschungsgebieten forschen darf, und wer eben nicht.

Beide Komplexe, Wissenschaft und Religion, beanspruchen ein wichtiges Gebiet des Lebens: den Anspruch auf Wahrheit, den Anspruch darauf, als einzige Instanz eine Erklärung für die grossen Fragen des Universums und des Lebens geben zu können. Beide Komplexe sind von ihren eigenen moralischen und ethischen Grundprinzipien überzeugt. Beide Gruppen haben für im Laufe der Geschichte einen enormen Einfluss auf das Leben des einzelnen Menschen gehabt.

EngelDie Vertreter der Religionen (insbesondere die monotheistischen) beanspruchen für sich als einzige, den Sinn des Lebens und des Universums erklären zu können: Die Welt und das Universum dienen zur Verherrlichung Gottes, des allmächtigen Schöpfers. Sie berufen sich dabei auf alte heilige Schriften. Gleichzeitig kann die Religion dem einzelnen Menschen etwas geben, was die Wissenschaft nicht kann (oder will): Eine tröstende Hoffnung auf ein Weiterleben nach dem Tod. Ein bewusstes Wesen wie der Mensch erkennt seine begrenzte Lebenszeit und Sterblichkeit und fürchtet sich davor. Hier hat die Religion eine Vielzahl von Wahrheiten über ewiges Leben parat, die in den meisten Religionen ein wichtige Gemeinsamkeit haben: Man darf nur an diesem ewigen Leben im Paradies teilhaben, wenn wann selbst treues und ergebenes Mitglied dieser Religion ist.

Um hier nicht falsch verstanden zu werden: natürlich ist das Universum viel komplexer, als es sowohl Wissenschaft als auch Religion erklären kann. …und das Bewusstsein endet auch nicht mit dem Tod, in irgendeiner Form muss es weiter existieren.

Gemeinsamkeiten zwischen Wissenschaft und Religion

Die erste Idee ist immer eine gute Absicht

Beide Gesellschaftsgruppen sind aus einer Minderheit heraus entstanden, deren Individuen mit den Strukturen der Welt und Machverhältnisse nicht einverstanden waren. Jesus Christus bekämpfte die heuchlerische Herrschaft der damaligen jüdischen religiösen Elite. Kopernikus und Galileo Galilei erkannten z.B. , dass die Erde nicht der Mittelpunkt des Universums war und dogmatische Weltbilder hinterfragt werden müssen. Der Kern von Religion und Wissenschaft liegt also in der aufrichtigen Absicht, das Leben und die Freiheit aller Menschen zu verbessern.

Im Laufe der Jahrzehnte versteinern die Strukturen

Bei der Religion wächst die Anhängerzahl, die die neuen Ideen befürworten. Im Christentum war dies z.B. zunächst das Gebot der Nächstenliebe und der direktere Zugang zu Gott im Gebet. Man brauchte keinen Geistlichen mehr, der für das Wohlwollen Gottes ein Tieropfer darbringt. Mit wachsenden Mitgliedern wächst auch die Macht der Religion. Der Konkurrenzkampf um angesehene geistliche Ämter wird grösser. Klare Strukturen müssen her, Dogmen, Gebote, religionsinterne Gerichtsbarkeit, Verbote und Verpflichtungen. Am Ende baut die aus einer Sekte entstandene Glaubensgemeinschaft prachtvollere Tempel und Paläste, als es ihre Ursprungsreligion tat. Eine Weiterentwicklung ist nicht gewünscht, denn dadurch verschieben sich auch die Machtverhältnisse innerhalb der Gruppe.

So auch in der Wissenschaft. Der anfängliche Wunsch, in der Natur und Technik nach Erkenntnissen und Endeckungen zu suchen, die das Leben des Einzelnen verbessern, muss sich am Ende der Forderung unterwerfen, die bestehenden Machtstrukturen zu zementieren. Statt Priester, Bischhof oder Kardinal lauten die Titel in der Wissenschaft Dr., Prof. oder Dekan. An einer pyramidalen Organisationsstruktur ist eigentlich nichts auszusetzen, allerdings verlangsamt dies die Flexibilität und Entwicklung eine Organisation. Auch in der Wissenschaft, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, keine Dogmen aufzustellen und überholte Theorien und Hypothesen bei neuen, besseren und genaueren Experimenten notfalls auch komplett zu ersetzen, ist das der Fall. Dogmen in der Wissenschaft sind längst Forschungsalltag. Sämtliche spirituellen Themen, die nicht mehr mit Messgeräten untersucht oder wenigsten in mathematischen Modellen eingepackt werden können, sind ein heisses Eisen. Paranormale Effekte werden aus Angst vor dem Spott der Fachkollegen besser vermieden, zudem ist es defacto unmöglich, für derartige esoterischen Ideen Forschungsgelder und Laborzeit zugeteilt zu bekommen. Nur ein kleiner Teil der Wissenschaftler beschäftigen sich zukunftsweisenden und vielversprechenden Themen wie Krebsforschung, alternativen Energieformen, Nanotechnologie, Robotik oder Biotechnologie. Ein Grossteil der Forscher gibt sich damit schnell zufrieden, alltägliche Trivialitäten experimentell zu untersuchen. Viele Untersuchungen werden gar nicht erst in Angriff genommen, wenn das Ergebnis nicht eigentlich schon im Vorfeld klar ist. Statistiken, die eine Hypothese quantitativ belegen, werden solange an bestimmten Parametern verbogen, bis das gewünschte Ergebnis endlich im erhofften Bereich liegt. Viele neue Theorien haben erst eine Chance, näher untersucht zu werden, bis die alten Lehrstuhl-Inhaber endlich aus Altersgründen in den Ruhestand gehen. Zugegeben wird dies freilich nie.

Die Versteinerung wird innerhalb der Forschung insbesondere in der Isolation der einzelnen Fakultäten sichtbar. Interdisziplinäre Forschung ist nur unter hohem Aufwand möglich, da sich innerhalb einer Fakultät Arbeits- und Denkprinzipien durchgesetzt haben, die evtl. in einer anderen Fakultät nicht üblich sind. Zudem möchte man sich doch nicht ganz so offen in die eigenen Karten schauen lassen.

Fazit

Religion und Wissenschaft haben beide ihre Existenzberechtigung innerhalb der Gesellschaft. Trotz der starren Stukturen im Wissenschaftsapparat ist eine Weiterentwicklung angestrebt und erlaubt immer wieder neue Erkenntnisse. Durch Medizin, Technologie und die Naturwissenschaften sind viele Dinge des Lebens einfacher geworden. Überraschenderweise führt das jedoch kaum dazu, dass der Einzelne mehr gedankliche Freiheit nutzt. Auch die neue Informationsvielfalt führt nicht zu einer besseren Informierung des Einzelnen sondern eher zu einer Reizüberflutung an widersprüchlichen Nachrichten und Veröffentlichungen, die die persönliche Meinungsbildung eher behindert als nützt.

Trotz gewaltigen Neutronenbeschleunigern, die z.B. nach Gottesteilchen suchen, komplexer mathematischer Quantenphysik und die ganzen Erkenntnisse der Naturwissenschaften, kann und will die Wissenschaft Gott nicht erklären. Viele Beobachtungen und Erkenntnisse, insbesondere in der Quantenphysik, haben überhaupt nichts mehr mit unserer Alltagbeobachtung zu tun. Man fischt hier mit Netzen, die nur eine Maschenweite von 5cm haben. Fische, die kleiner als 5cm sind, werden nicht gefangen und existieren solange auch nicht im wissenschaftlichen Weltbild. Zweifler werden ausgelacht. Es zählt ausschließlich die Verifikation, niemals die Falsifikation.

Die Religion liefert zwar klare und detailierte Erklärungen zu Gott, Glaube und das Universum, allerdings existieren zwischen den Religionen darin sehr grosse Meinungsverschiedenheiten, nicht zuletzt durch einen fehlgeleiteten Fanatismus. Die grossen Religionen haben sich von ihrem wahren und ursprünglich spirituellen Kern so weit entfernt, dass die ursprünglichen Wahrheiten bereits verblasst und undeutlich sind.

Die wahre Wahrheit liegt – wie so oft – zwischen Religion und Wissenschaft, wahrscheinlich in der Spiritualität, die kein Problem mit der Wissenschaft hat, eher mit dem Dogmatismus der Religion. Die Spiritualität benötigt keine zentrale Organisationsstruktur, jedoch setzt sie die Fähigkeit des Einzelnen voraus, das eigene Weltbild immer zu hinterfragen und seiner Vorstellung keine gedanklichen Grenzen zu setzen.

Irgendwann werden beide Komplexe, Wissenschaft und Religion, miteinander verschmelzen. Beide Komplexe werden erkennen, dass sie eigentlich das selbe Ziel verfolgen – den Menschen wieder mit dem Göttlichen zu verbinden. Dies wird jedoch erst möglich sein, wenn beide Strukturen ihrer gefährlichster Droge entwöhnt werden: den Wunsch, ihre lokalen Machtstrukturen zu zementieren. Erst dann wird die universelle Magie wiederentdeckt und friedlich genutzt werden können.

Am besten hat es der deutsche Physiker Werner Heisenberg treffend auf den Punkt gebracht:

„Der erste Trunk aus dem Becher der Naturwissenschaft macht atheistisch, aber auf dem Grund des Bechers wartet Gott.“